Die Jenaplanschule Weimar ist eine Gemeinschaftsschule mit zwei Standorten. Das geplante Umbauvorhaben wird zum Anlass genommen, sich unter dem Leitsatz „Was ist eine zukunftsfähige Schule?“ als Projekt der IBA Thüringen zu bewerben. Ergänzend folgt eine Bewerbung auf die Ausschreibung „Inklusive Schulen planen und bauen“ der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft – mit der Chance auf einen begleiteten Phase Null-Prozess.
Eine ausgeprägte Beteiligungskultur ist in der Jenaplan-Pädagogik bereits angelegt. Unterschiedliche Unterrichtsformen werden innerhalb bestehender Strukturen erprobt, diskutiert und evaluiert, obgleich die räumliche Bestrandstruktur hier Grenzen aufweist. Auch das Quartier wird in die Nutzung des Geländes einbezogen. Damit kann die Jenaplanschule IBA und MJG überzeugen, so dass 2016 der Startschuss für ein beispielgebendes, übertragbares Konzept fällt.
Die Bestandsaufnahme der Phase Null beginnt mit einem zweitägigen Vor-Ort-Termin (u. a. Schlüsselinterviews) zur Schaffung einer gemeinsamen Ausgangsbasis für Planung sowie der Möglichkeit für den Austausch zwischen den Professionen. Die pädagogische Bestandsaufnahme regt zur Überprüfung des pädagogischen Konzepts an, die kommunale und räumliche Bestandsaufnahme lenkt den Blick auf die Bildungsinfrastruktur, den Standort und den vorhandenen Gebäudebestand.
Es folgt ein erster Workshop zum Konzept für die Schule mit zwei Standorten – unter aktiver Nutzer*innenbeteiligung. Ein weiterer Workshop präzisiert das Konzept einschließlich erster Raumansätze. In einer Lernreise werden räumliche Referenzmodelle sowie das Zusammenspiel von Pädagogik und Raum erkundet. Ein Pädagogischer Tag mündet in den Beschluss eines Grobkonzepts; daran anschließend entsteht in einem Workshop eine organisatorische Struktur auf Basis des pädagogischen Konzepts. Dazwischen tagen regelmäßig Lenkungsrunden für strategische Entscheidungen.
In der Folge werden konkrete Schritte zur Erarbeitung eines Schul- und Raumprogramms unternommen – mit der Verschränkung pädagogischer und architektonischer Perspektiven. Der einjährige Prozess mit allen Beteiligten mündet in einen Abschlussbericht der Phase Null mit definiertem Raumprogramm.
2018 folgt eine Machbarkeitsstudie mit Variantenuntersuchungen zu Bestand, Ergänzungsbauten und Neubau auf Grundlage der in der Phase Null definierten Anforderungen. Aufgrund des Zustands des Bestandsgebäudes sowie seiner Grundrisskonfiguration fällt die Entscheidung zugunsten eines Neubaus, Dessen Ausgestaltung wird in mehreren Einzelvarianten untersucht. Die finale Entscheidung fällt zugunsten einer Ausbildung von Einzelbauköpern, die sich bestmöglich in die umgebende städtebauliche Struktur einfügen.
Die Beteiligungsverfahren werden über die Phase Null hinaus während des gesamten Planungs- und Bauprozesses fortgeführt. Nach Vorlage der Kostenschätzung müssen Flächen reduziert werden. Der Strategie des Weglassens folgend wird unter Beteiligung der Nutzer*innen der Schule diskutiert, an welchen Stellen durch Synergienbildung und multifunktional genutzte Raumbereiche Flächen eingespart werden können. Als Ergebnis wird festgehalten, dass der Grundidee eines Clusters als „Heimat“ folgend der Hort in die Cluster der Lernhäuser integriert werden kann. Auf eine separate Lernküche kann verzichtet werden, nachdem festgelegt wird, dass alle Lernlofts mit voll funktionsfähigen Küchen ausgestattet werden. Die Funktion kann somit dezentral erfüllt werden. Ebenfalls wird entschieden, auf einen eigenständigen Raum für die Schüler*innenvertretung zu verzichten und diese Funktion innerhalb der bestehenden Fläche abzubilden: auf dem multifunktionalen Marktplatz – dem Herz des Schulgebäudes – in Verschränkung mit der Bistro- und Mensanutzung.
Zu Themen wie der Präzisierung der Lernlofts, der naturwissenschaftlichen Bereiche sowie des Außenraums finden Nutzer*innen-Workshops mit zusätzlichem Input von Expert*innen statt. Ziel ist es, ein nachhaltiges räumliches Konzept zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen, die auch für die spätere alltägliche Nutzung richtungsweisend sind. Die Erkenntnisse aus den Workshops werden in die Planung integriert und dem Workshopteam zurückgespiegelt. Für den naturwissenschaftlichen Bereich wird festgelegt, dass lediglich Räume mit Gefahrenstoffen und entsprechenden Anlagen abschließbar ausgeführt werden, während die übrigen Flächen als offenes Schüler*innenlabor („Open Lab“) für projektorientiertes und fächerübergreifendes Lernen genutzt werden. Für die Lernlofts wird erarbeitet, die Stammgruppenräume möglichst klein zu dimensionieren, zugunsten einer großzügigeren gemeinsamen Mitte. Für den Außenraum entsteht ein Pflegekonzept für die Grünflächen, das die Beteiligung der Schulgemeinschaft an der Freiraumpflege ausdrücklich berücksichtigt.
Meilensteine im Planungsprozess werden gemeinsam mit der gesamten Schulgemeinschaft gefeiert. Zum Übergang von der Phase Null zur Machbarkeitsstudie findet eine große Informationsveranstaltung unter Einbeziehung aller an Schule Beteiligten statt. Zum Abschluss der Leistungsphase 3 erfolgt eine feierliche Übergabe der Planung, um über den erreichten Fortschritt zu informieren.
Die Schulleitung ist darüber hinaus über den gesamten Planungsprozess hinweg kontinuierlich in die Planungs-Jour-Fixe eingebunden.
Während die Phase Null, in der die Möblierung noch keine Rolle spielt, Bedarfe festlegt, wird für Ausbau- und Möblierungsgestaltung keine weitere Bedarfsermittlung vorgesehen. Damit fehlt eine planungsrelevante Grundlage.
Dabei sind Innenausbau und Möblierung entscheidend für Innovation, Modellhaftigkeit und zukunftsweisende Nutzung. Häufig erfolgt die Ausstattungsplanung in der Chronologie der Leistungsphasen spät. Bauliche Entscheidungen sind dann bereits getroffen und nicht mehr veränderbar – mit wenig Spielraum, auf spezifische Anforderungen der Möblierung zu reagieren. Hinzu kommt, dass viele Neu- und Umbauten vollständig und spezifisch ausgestattet werden und dadurch weniger anpassungsfähig sind.
In Weimar wurde daher ein partizipativer Prozess „Phase Null der Möblierung“ innerhalb der Leistungsphase 3 eingeführt. Er schafft eine abgestimmte Planungsgrundlage für Innenausbau und Möblierung. Ausgehend von der Frage „Wer macht was, wann und wo?“ finden Nutzer*innen-Workshops zu unterschiedlichen Schulbereichen statt. Nach jedem Workshop werden die Ergebnisse in die Planung eingearbeitet; Rückkopplung, Diskussion und Reflexion mit den Beteiligten schließen sich an. Durch frühe, realitätsnahe Simulationen sowie Prototypen- und Muster-Testungen können Lösungen verifiziert werden, bevor Produkte und Materialien ausgeschrieben oder bestellt werden. So bleibt das Konzept anpassungsfähig und weiterentwicklungsfähig. Zusätzliche Potenziale: Recycling, Readymade/Upcycling (aus anderen Nutzungskontexten), einfacher Selbstbau, digitale Bearbeitung (CNC).
Auf dieser Basis lassen sich belastbare Nutzungsszenarien und Möblierungsmodelle entwickeln. Kostensteigerungen im Rohbau und in der technischen Ausstattung machen Einsparungen im Bereich Möblierung notwendig. Da die prognostizierten Kosten den Rahmen deutlich überschreiten, werden alternative Ansätze für Beschaffung und Umsetzung geprüft – daraus entsteht die Idee, Schulmöbel mit Expert*innen und der Schulgemeinschaft selber zu entwickeln und herzustellen (Aufbaumanuals).
Selbstgebaute Schulmöbel sind eine nachhaltige und kreative Alternative zu industriellen Lösungen. Durch das gemeinsame Gestalten und Konstruieren von Tischen, Sitz- und Staumöbeln können Schüler*innen und Lehrkräfte ihre Umgebung aktiv mitprägen und an individuelle Bedarfe anpassen. Der partizipative Ansatz stärkt handwerkliches und kreatives Denken, fördert Verantwortungsbewusstsein und Identifikation mit dem Bildungsort. Durch die Nutzung regionaler Materialien und Upcycling lassen sich zudem ökologische und finanzielle Vorteile erzielen. In Werkunterrichts-Projekten oder in Kooperation mit lokalen Handwerksbetrieben entstehen zusätzliche Lernchancen, bis hin zu einem vertieften Verständnis architektonischer und nachhaltiger Gestaltung.
Die Phase Zehn unterstützt die Schulgemeinschaft dabei, räumliche Potenziale zu erkennen, Möblierung nachzujustieren und das pädagogische Konzept im Zusammenspiel mit Architektur und Einrichtung weiterzuentwickeln – von der Inbetriebnahme über die Aneignung bis zur Evaluation. > Playbook Phase Zehn
Eine begleitete Phase Zehn mit allen Nutzer*innen steht in Weimar nun an. Die Erkenntnisse werden anschließend hier ergänzt.